Verdacht auf Kindeswohlgefährdung: Was tun, wenn Sie unsicher sind?
Kurz gesagt: Sie müssen einen Verdacht nicht allein bewerten und nicht allein lösen. Das Verfahren nach § 8a SGB VIII gibt Ihnen klare Schritte an die Hand. Halten Sie Ihre Beobachtungen fest, tragen Sie sie im Team zusammen und ziehen Sie eine insoweit erfahrene Fachkraft hinzu.
Eine Situation, die viele pädagogische Fachkräfte kennen: Ein Kind wirkt verändert, es gibt Hinweise aus der Familie, und plötzlich steht ein Verdacht im Raum. Der erste Gedanke ist oft: Ich habe zu wenig Ahnung, was, wenn ich mich irre? Genau für diese Unsicherheit gibt es ein geregeltes Verfahren. Niemand erwartet, dass Sie allein entscheiden.
Warum das Thema so wichtig ist
Kinderschutz betrifft immer mehr Familien. 2024 stellten die Jugendämter in Deutschland laut Statistischem Bundesamt bei rund 72.800 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung fest, ein neuer Höchststand und ein Anstieg um 31 Prozent gegenüber 2019. Im Vorfeld prüften die Ämter fast 239.400 Verdachtsfälle. Betroffene Kinder waren im Schnitt 8,3 Jahre alt, jedes dritte war jünger als sechs Jahre. Gerade Kitas und Einrichtungen der Jugendhilfe sind deshalb oft die Ersten, die etwas bemerken.
Das Verfahren in vier Schritten
- Wahrnehmen und festhalten. Beobachten Sie sachlich und dokumentieren Sie gewichtige Anhaltspunkte, also konkrete Beobachtungen, keine Wertungen. Was haben Sie gesehen oder gehört, wann, in welcher Situation?
- Im Team einordnen. Tragen Sie die Beobachtungen mit Kolleginnen und Kollegen sowie der Leitung zusammen. Vier Augen sehen mehr, und die Verantwortung liegt nicht auf einer Person.
- Insoweit erfahrene Fachkraft hinzuziehen. Bei gewichtigen Anhaltspunkten haben Sie Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft. Sie schätzt das Gefährdungsrisiko mit Ihnen ein und bringt Verfahrenssicherheit.
- Eltern und Kind einbeziehen. Soweit dies den Schutz nicht in Frage stellt, werden Eltern und Kind beteiligt, und es wird auf geeignete Hilfen hingewirkt.
Der wichtigste Satz vorweg: Bei einer akuten, unmittelbaren Gefahr für ein Kind handeln Sie sofort und informieren das Jugendamt oder in Notlagen die Polizei. Das geregelte Verfahren gilt für die vielen Fälle, in denen Zeit für eine sorgfältige Einschätzung bleibt.
Ich habe keine Ahnung, wo soll ich anfangen?
Diese Unsicherheit ist normal und kein Zeichen von Unfähigkeit. Sie sind nicht dafür zuständig, allein zu beurteilen, ob eine Gefährdung vorliegt. Ihre Aufgabe ist es, Anhaltspunkte ernst zu nehmen, sie festzuhalten und den nächsten Schritt zu gehen: das Gespräch im Team und die Beratung durch die insoweit erfahrene Fachkraft. Jede Einrichtung sollte wissen, wer diese Fachkraft ist und wie sie erreichbar ist. Fragen Sie im Zweifel Ihre Leitung.
Die Rolle der insoweit erfahrenen Fachkraft
Die insoweit erfahrene Fachkraft, oft InsoFa oder IseF genannt, entscheidet nicht anstelle des Teams und übernimmt den Fall nicht. Sie berät, ordnet die Anhaltspunkte fachlich ein und hilft, das Verfahren sicher zu gehen. Viele Träger benennen eine solche Fachkraft fest. Wer diese Rolle übernehmen möchte, findet den Weg über unseren Zertifikatskurs zur insoweit erfahrenen Fachkraft.
Sicherheit für das ganze Team
Nicht jede Fachkraft muss insoweit erfahrene Fachkraft werden. Aber jede sollte die Anhaltspunkte erkennen, das Verfahren kennen und wissen, an wen sie sich wendet. Genau dafür gibt es das eintägige Tagesseminar Kinderschutz im Kita-Alltag, das die Schritte praxisnah einübt und die Unsicherheit nimmt.
Der Schutzauftrag ergibt sich aus § 8a SGB VIII, ergänzt durch § 8b SGB VIII und § 4 KKG. Sie regeln unter anderem den Anspruch auf Beratung durch eine insoweit erfahrene Fachkraft.
Häufige Fragen
Ich bin unsicher, ob es wirklich eine Gefährdung ist. Soll ich trotzdem etwas tun?
Ja. Sie müssen nicht sicher sein. Halten Sie Ihre Beobachtungen fest und besprechen Sie sie im Team und mit der insoweit erfahrenen Fachkraft. Die Einschätzung treffen Sie nicht allein.
Muss die Kita bei jedem Verdacht das Jugendamt einschalten?
Zunächst steht die eigene Gefährdungseinschätzung mit Beratung. Lässt sich die Gefährdung nicht abwenden oder wirken die Eltern nicht mit, wird das Jugendamt einbezogen. Bei akuter Gefahr handeln Sie sofort.
- Statistisches Bundesamt, Kindeswohlgefährdungen auf neuem Höchststand (2024)
- Statistisches Bundesamt, Statistik über den Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung
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