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Personalmangel in der Jugendhilfe: Wenn mehr Aufgaben auf knappe Fachkräfte treffen

Jugendämter, Wohngruppen, ambulante Hilfen: Wo in der Kinder- und Jugendhilfe Fachkräfte fehlen, was die Zahlen zeigen und welche Ansätze wirklich helfen.

Von der educaris Redaktion·13. August 2026·Lesezeit etwa 9 Minuten
Bild: Beratungssituation Jugendhilfe

Wer bei Personalmangel an pädagogische Berufe denkt, hat häufig zuerst Kitas vor Augen. Dabei reicht das Problem deutlich weiter.

Auch Jugendämter suchen Fachkräfte. In Wohngruppen müssen Dienste besetzt werden. Ambulante Hilfen begleiten Familien, Beratungsstellen bearbeiten komplexe Situationen, Schulsozialarbeit ist gewachsen und im Kinderschutz dürfen Entscheidungen nicht davon abhängen, ob gerade genügend Personal verfügbar ist.

Die Kinder und Jugendhilfe ist in den vergangenen Jahrzehnten erheblich gewachsen. Das gilt für ihre Aufgaben ebenso wie für ihr Personal.

Trotzdem gelingt es vielen Trägern zunehmend schwer, genügend qualifizierte Menschen zu gewinnen und langfristig zu halten.

Das Deutsche Jugendinstitut bezeichnet den Fachkräftemangel deshalb inzwischen als eine der zentralen Herausforderungen der Kinder und Jugendhilfe. Er betrifft nicht nur einzelne Einrichtungen oder Regionen, sondern zieht sich durch unterschiedliche Arbeitsfelder.

Jugendhilfe ist viel mehr als Kita

Zur Kinder und Jugendhilfe gehören sehr unterschiedliche Bereiche.

Jugendämter und ihre Allgemeinen Sozialen Dienste sind ebenso Teil davon wie Hilfen zur Erziehung, Erziehungsberatungsstellen, stationäre Wohngruppen, Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit, offene Jugendarbeit, Familienhilfen und Kinderschutz.

Gerade deshalb ist es schwierig, über „den“ Fachkräftemangel in der Jugendhilfe zu sprechen.

Eine Wohngruppe hat andere Personalprobleme als ein Jugendamt. Eine Beratungsstelle braucht andere Qualifikationen als eine Einrichtung der stationären Jugendhilfe. In der Schulsozialarbeit entstehen andere Anforderungen als in einer sozialpädagogischen Familienhilfe.

Gemeinsam ist diesen Bereichen, dass viele ihrer Aufgaben nur von entsprechend qualifizierten Fachkräften verantwortet werden können.

Mehr als 346.000 Menschen arbeiten außerhalb der Kitas für die Kinder und Jugendhilfe

Wie groß dieses Arbeitsfeld inzwischen ist, zeigen aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Zum 15. Dezember 2024 beschäftigten die Träger der Kinder und Jugendhilfe außerhalb der Kindertageseinrichtungen rund 346.400 Menschen als pädagogisches, Leitungs und Verwaltungspersonal.

92.000 von ihnen arbeiteten bei öffentlichen Trägern, 254.400 bei freien Trägern.

Allein in betriebserlaubnispflichtigen Einrichtungen wie Heimen, sonstigen betreuten Wohnformen, Eltern Kind Einrichtungen und Tagesgruppen waren rund 126.000 Menschen beschäftigt. Mehr als neun von zehn waren dort pädagogisch tätig.

Diese Zahlen zeigen zunächst eines.

Die Jugendhilfe ist kein kleiner Spezialbereich des Sozialwesens. Sie ist ein großes Arbeitsfeld mit einer erheblichen Zahl an Beschäftigten.

Dass trotzdem über Personalmangel gesprochen wird, ist deshalb kein Widerspruch.

Entscheidend ist nicht nur, wie viele Menschen bereits dort arbeiten, sondern wie viele Fachkräfte benötigt werden, um die vorhandenen und neu entstehenden Aufgaben tatsächlich erfüllen zu können.

Auch Sozialarbeit und Sozialpädagogik gehören inzwischen zu den Engpassberufen

Ein wichtiger Hinweis auf die Arbeitsmarktlage kommt von der Bundesagentur für Arbeit.

In ihrer Fachkräfteengpassanalyse für 2025 werden Berufe der Sozialarbeit und Sozialpädagogik neu beziehungsweise erneut als Engpassberufe ausgewiesen. Auch Erzieherinnen und Erzieher werden weiterhin stark nachgefragt.

Das ist für die Jugendhilfe besonders relevant.

Viele ihrer zentralen Aufgaben werden von Sozialarbeiterinnen, Sozialpädagogen, Erzieherinnen und anderen pädagogisch qualifizierten Berufsgruppen getragen.

Wenn diese Berufsgruppen auf dem Arbeitsmarkt knapp sind, konkurrieren Jugendämter, freie Träger, Kitas, Schulen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und andere soziale Arbeitsfelder teilweise um dieselben Menschen.

Der Personalmangel entsteht deshalb nicht nur innerhalb der Jugendhilfe. Er ist auch Teil eines größeren Wettbewerbs um qualifiziertes Personal.

Mehr Personal bedeutet noch nicht, dass der Bedarf gedeckt ist

Die Kinder und Jugendhilfe hat ihr Personal über viele Jahre stark ausgebaut.

Gerade darin liegt eine Besonderheit dieses Fachkräftemangels.

Es handelt sich nicht um ein schrumpfendes Arbeitsfeld, das immer weniger Beschäftigte findet. Vielmehr sind Personal und Angebote gewachsen und gleichzeitig ist der Bedarf weiter gestiegen.

Das Deutsche Jugendinstitut beschreibt genau diese Entwicklung. Trotz erheblicher personeller Zuwächse ist die Ausstattung vieler Bereiche nicht bedarfsgerecht. Angebote und Leistungen müssen teilweise eingeschränkt werden, obwohl gesetzlich verpflichtende Aufgaben weiterhin erfüllt werden müssen.

Personalmangel kann deshalb auch dort entstehen, wo jedes Jahr mehr Menschen beschäftigt werden.

Wenn Aufgaben schneller wachsen als die personellen Möglichkeiten, bleibt die Lücke bestehen.

Die Nachfrage nach Hilfen ist hoch

Ein Blick auf die Hilfen für junge Menschen zeigt, welche Größenordnungen die Jugendhilfe bewältigt.

Im Jahr 2024 wurden bundesweit rund 1,25 Millionen erzieherische Hilfen und Eingliederungshilfen gezählt. Dazu gehören unter anderem Erziehungsberatung, sozialpädagogische Familienhilfe, Vollzeitpflege, Heimerziehung und Eingliederungshilfen für junge Menschen mit seelischer Behinderung.

Diese Zahl ist nicht gleichbedeutend mit 1,25 Millionen unterschiedlichen Personen. Die Statistik zählt Hilfen und umfasst unterschiedliche Hilfeformen.

Gerade deshalb sollte sie nicht als einfache Zahl der „betroffenen Kinder“ dargestellt werden.

Sie zeigt aber, in welchem Umfang Leistungen der Kinder und Jugendhilfe in Anspruch genommen werden.

Eingliederungshilfen haben sich innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt

Besonders deutlich ist die Entwicklung bei den Eingliederungshilfen nach § 35a SGB VIII.

2024 wurden gut 174.000 entsprechende Hilfen für Kinder, Jugendliche und junge Volljährige gewährt.

2014 waren es noch knapp 80.800.

Innerhalb von zehn Jahren hat sich ihre Zahl damit um 115 Prozent erhöht.

Hinter diesen Hilfen stehen sehr unterschiedliche Situationen.

Destatis nennt psychische Belastungen und Entwicklungsauffälligkeiten als besonders häufige Gründe. Auch schulische Probleme, auffälliges Sozialverhalten und der Bedarf an Schulbegleitung können eine Rolle spielen.

Allein diese Entwicklung macht deutlich, warum Kinder und Jugendhilfe nicht nur mehr Personal, sondern auch fachlich unterschiedlich qualifizierte Beschäftigte benötigt.

Kinderschutz bindet ebenfalls erhebliche fachliche Ressourcen

Auch im Kinderschutz sind die Fallzahlen weiter gestiegen.

Im Jahr 2025 prüften die Jugendämter fast 268.300 Hinweise auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung.

Bei rund 79.800 Kindern und Jugendlichen wurde tatsächlich eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung festgestellt.

Damit wurde zum vierten Mal in Folge ein neuer Höchststand erreicht.

Jeder dieser Fälle bedeutet fachliche Arbeit.

Informationen müssen aufgenommen, Risiken eingeschätzt, Familien einbezogen, Hilfen geprüft und gegebenenfalls Schutzmaßnahmen eingeleitet werden.

Gerade im Kinderschutz lässt sich Personalmangel deshalb nicht einfach durch eine höhere Fallzahl pro Fachkraft ausgleichen.

Die Qualität der Einschätzung hängt auch davon ab, ob genügend Zeit für fachliche Beratung, Dokumentation und Zusammenarbeit vorhanden ist.

Jugendämter stehen besonders unter Druck

Jugendämter haben eine besondere Rolle.

Sie erbringen nicht nur eigene Leistungen. Sie tragen auf kommunaler Ebene auch Verantwortung dafür, dass die notwendigen Angebote der Kinder und Jugendhilfe grundsätzlich zur Verfügung stehen.

§ 79 SGB VIII verpflichtet die öffentlichen Träger der Jugendhilfe ausdrücklich zu einer ausreichenden Ausstattung der Jugendämter und Landesjugendämter und zu einer bedarfsgerechten Zahl von Fachkräften.

In der Praxis ist genau das vielerorts schwierig.

Das Deutsche Jugendinstitut berichtet aus Untersuchungen der Allgemeinen Sozialen Dienste, dass Personallücken dazu führen können, dass Aufgaben priorisiert oder zurückgestellt werden müssen.

Das bedeutet nicht, dass gesetzliche Schutzaufgaben einfach entfallen dürfen.

Es zeigt vielmehr, was Personalmangel für Organisationen bedeutet.

Wenn Personal fehlt, werden vorhandene Ressourcen auf besonders dringliche Aufgaben konzentriert. Für präventive Arbeit, kontinuierliche Begleitung, konzeptionelle Entwicklung oder fachlichen Austausch bleibt dann weniger Raum.

Nicht nur offene Stellen sind ein Problem

Personalmangel zeigt sich nicht ausschließlich in unbesetzten Stellen.

Auch krankheitsbedingte Ausfälle, Fluktuation und Schwierigkeiten bei der langfristigen Personalbindung können die tatsächliche Arbeitsfähigkeit eines Teams erheblich beeinflussen.

Das DJI verweist darauf, dass hohe Krankenstände inzwischen in verschiedenen Berufsgruppen der Kinder und Jugendhilfe eine zusätzliche Belastung darstellen.

Für die Praxis ist das entscheidend.

Eine Stelle kann auf dem Papier besetzt sein und trotzdem über längere Zeit nicht zur Verfügung stehen.

Je kleiner ein Team ist, desto stärker wirken einzelne Ausfälle.

In Bereichen mit Schichtdienst, Rufbereitschaften oder verbindlichen Betreuungsschlüsseln kann daraus schnell ein organisatorisches Problem werden.

Die Aufgaben verändern sich

Die Kinder und Jugendhilfe steht nicht nur vor der Aufgabe, bestehende Angebote personell abzusichern.

Neue und wachsende Anforderungen kommen hinzu.

Der stufenweise Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder erhöht den Personalbedarf in einem Bereich, in dem teilweise dieselben Berufsgruppen gesucht werden wie in der Jugendhilfe.

Die Zahl der Eingliederungshilfen steigt.

Kinderschutzverfahren nehmen zu.

Schulsozialarbeit wurde in vielen Regionen ausgebaut.

Gleichzeitig sollen Angebote inklusiver werden und Familien mit sehr unterschiedlichen Unterstützungsbedarfen erreichen.

Diese Entwicklungen bedeuten nicht automatisch, dass jede einzelne Fachkraft immer mehr leisten muss.

Sie bedeuten aber, dass das System insgesamt mehr qualifiziertes Personal und unterschiedliche fachliche Kompetenzen benötigt.

Warum einfache Lösungen nicht reichen

Der Personalmangel in der Jugendhilfe lässt sich nicht mit einer einzelnen Maßnahme lösen.

Mehr Studienplätze in Sozialer Arbeit können helfen, wirken aber erst nach mehreren Jahren.

Quereinstieg kann in einzelnen Arbeitsfeldern sinnvoll sein, ersetzt aber keine Fachkräfte dort, wo eine bestimmte Qualifikation erforderlich ist.

Ausländische Fachkräfte können zusätzliches Potenzial eröffnen, wenn Anerkennungsverfahren funktionieren.

Multiprofessionelle Teams können Aufgaben sinnvoll verteilen, wenn Rollen und Verantwortlichkeiten klar geregelt sind.

Ebenso wichtig ist die Frage, wie vorhandene Fachkräfte im Arbeitsfeld gehalten werden.

Das DJI nennt deshalb nicht eine einzelne Lösung, sondern ein Bündel von Strategien. Dazu gehören professionelles Personalmanagement, die Weiterentwicklung multiprofessioneller Teams, bessere Begleitung von Quereinsteigenden und Weiterbildung.

Weiterbildung kann Personal nicht ersetzen, aber Handlungssicherheit erhöhen

Bei Diskussionen über Fachkräftemangel entsteht schnell der Eindruck, Weiterbildung könne fehlendes Personal ersetzen.

Das kann sie nicht.

Eine Fortbildung schafft keine zusätzliche Stelle.

Sie kann aber dazu beitragen, dass vorhandene Fachkräfte Aufgaben sicherer übernehmen, Verantwortlichkeiten klarer einordnen und sich fachlich weiterentwickeln.

Gerade im Kinderschutz ist das relevant.

§ 8a SGB VIII sieht vor, dass bei der Gefährdungseinschätzung eine insoweit erfahrene Fachkraft beratend hinzugezogen wird. Welche Qualifikation dafür erforderlich ist, wird nicht durch einen bundesweit einheitlichen Kurs festgelegt. Die entsprechenden Kriterien müssen in den Vereinbarungen zwischen öffentlicher und freier Jugendhilfe geregelt werden.

Eine Weiterbildung zu Kinderschutz und § 8a kann deshalb fachliche Kompetenz erweitern. Sie macht eine Person aber nicht allein durch ein Zertifikat automatisch zur insoweit erfahrenen Fachkraft.

Auch hier gilt, dass Qualifizierung immer im Zusammenhang mit beruflicher Grundqualifikation, Erfahrung und dem konkreten Arbeitsfeld betrachtet werden muss.

Und welche Rolle spielt die 160 Stunden Qualifizierung?

Die 160 Stunden Qualifizierung in Nordrhein Westfalen gehört ebenfalls in einen klar abgegrenzten Zusammenhang.

Sie betrifft bestimmte Zugangswege in Kindertageseinrichtungen.

Sie ist keine allgemeine Qualifizierung für Tätigkeiten in Jugendämtern, Hilfen zur Erziehung oder anderen Bereichen der Kinder und Jugendhilfe.

Für bestimmte Berufsgruppen kann sie aber einen rechtlich geregelten Zugang zur Arbeit in einer Kita eröffnen und damit dazu beitragen, zusätzliches Personal für dieses Teilgebiet der Jugendhilfe zu gewinnen.

Wer sich für diesen Weg interessiert, muss deshalb zunächst prüfen, welche Regelung zur eigenen Vorbildung passt.

Für den Personalmangel in der gesamten Jugendhilfe ist das ein einzelner Baustein und keine allgemeine Lösung.

Fachkräftemangel wird zur Qualitätsfrage

Personalmangel ist nicht nur eine Frage danach, wie schnell Stellen besetzt werden können.

In der Kinder und Jugendhilfe geht es immer auch darum, welche Leistungen mit welcher fachlichen Qualität tatsächlich erbracht werden können.

Ein Jugendamt braucht genügend Fachkräfte, um Risiken sorgfältig einzuschätzen.

Eine Wohngruppe braucht verlässliche Bezugspersonen und eine tragfähige Dienstplanung.

Eine Familienhilfe braucht Zeit für Beziehungen und kontinuierliche Begleitung.

Eine Beratungsstelle braucht erreichbare Fachkräfte und ausreichend Raum für Gespräche.

Wenn Personal dauerhaft knapp ist, geraten genau diese Bedingungen unter Druck.

Deshalb lässt sich die Fachkräftedebatte nicht darauf reduzieren, möglichst schnell möglichst viele Menschen in soziale Berufe zu bringen.

Es geht darum, genügend geeignete Menschen zu gewinnen, sie fachlich vorzubereiten und Arbeitsbedingungen zu schaffen, unter denen sie langfristig bleiben können.

Quellen

Häufige Fragen

10 Fragen, tippen Sie ein Stichwort oder klicken Sie eine Frage an

Was gehört zur Kinder- und Jugendhilfe?

Zur Kinder- und Jugendhilfe gehören weit mehr Bereiche als Jugendämter oder Kindertagesstätten. Dazu zählen unter anderem Allgemeine Soziale Dienste, Hilfen zur Erziehung, Erziehungsberatungsstellen, stationäre Wohngruppen und Heime, Pflegekinderdienste, Jugendsozialarbeit, Schulsozialarbeit, offene Jugendarbeit, Familienhilfen und der Kinderschutz. Die Arbeitsfelder unterscheiden sich deutlich voneinander. Entsprechend unterschiedlich sind auch ihre Aufgaben, Qualifikationsanforderungen und Personalbedarfe.

Wie groß ist der Personalmangel in der Kinder- und Jugendhilfe?

Der Fachkräftebedarf in der Kinder- und Jugendhilfe ist hoch und betrifft unterschiedliche Arbeitsfelder. Eine einzige amtliche Gesamtzahl, die beziffert, wie viele Fachkräfte bundesweit in der gesamten Kinder- und Jugendhilfe fehlen, gibt es jedoch nicht. Belastbar ist die Arbeitsmarktlage der zentralen Berufsgruppen. Sozialarbeit und Sozialpädagogik werden in der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit für 2025 als Engpassberufe geführt. Auch Erzieherinnen und Erzieher werden weiterhin stark nachgefragt. Um das tatsächliche Ausmaß zu beurteilen, müssen deshalb Beschäftigungsentwicklung, Engpassanalysen und die Situation in den verschiedenen Arbeitsfeldern gemeinsam betrachtet werden.

Welche Berufsgruppen fehlen in der Kinder- und Jugendhilfe besonders?

Besonders gefragt sind Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen sowie Erzieherinnen und Erzieher. Diese Berufsgruppen übernehmen zentrale Aufgaben in Jugendämtern, ambulanten Hilfen, stationären Einrichtungen und weiteren Bereichen der Kinder- und Jugendhilfe. Gleichzeitig werden sie auch in Kitas, Schulen, Einrichtungen der Eingliederungshilfe und anderen sozialen Arbeitsfeldern benötigt. Damit konkurrieren unterschiedliche Bereiche zunehmend um qualifiziertes Personal.

Warum fehlen Fachkräfte trotz steigender Beschäftigtenzahlen?

Weil die Kinder- und Jugendhilfe gleichzeitig erheblich gewachsen ist. In den vergangenen Jahren wurden Personal und Angebote ausgebaut. Zugleich sind Fallzahlen, Rechtsansprüche, Aufgaben und fachliche Anforderungen gestiegen. Wenn der Bedarf schneller wächst als die personellen Möglichkeiten, kann deshalb auch bei steigenden Beschäftigtenzahlen weiterhin ein Fachkräftemangel bestehen. Mehr Beschäftigte bedeuten also nicht automatisch, dass der tatsächliche Personalbedarf bereits gedeckt ist.

Warum zeigen offene Stellen allein nicht das ganze Ausmaß des Personalmangels?

Weil die tatsächliche Personalverfügbarkeit von mehr abhängt als von offiziell unbesetzten Stellen. Krankenstände, Elternzeiten, Fluktuation, längerfristige Ausfälle und Schwierigkeiten bei der Nachbesetzung können Teams erheblich belasten, obwohl Stellen auf dem Papier besetzt sind. Gerade in kleinen Teams kann bereits der längerfristige Ausfall einer einzelnen Fachkraft spürbare Auswirkungen haben. Deshalb lässt sich Personalmangel nicht ausschließlich an der Zahl ausgeschriebener oder unbesetzter Stellen messen.

Was bedeutet Personalmangel für Jugendämter und soziale Dienste?

Gesetzliche Aufgaben und Unterstützungsbedarfe bestehen unabhängig davon, wie angespannt die Personalsituation ist. Wenn Fachkräfte fehlen, müssen vorhandene Ressourcen häufig stärker auf besonders dringliche Aufgaben konzentriert werden. Dadurch kann weniger Zeit für Prävention, kontinuierliche Begleitung, ausführliche Beratung oder konzeptionelle Arbeit zur Verfügung stehen. Gerade in Jugendämtern, ambulanten Hilfen und anderen sozialen Diensten zeigt sich deshalb, dass Fachkräftesicherung nicht nur eine Personalfrage ist. Sie hat unmittelbar mit der Qualität und Verlässlichkeit der Angebote zu tun.

Können Quereinsteigende dazu beitragen, den Fachkräftemangel in der Jugendhilfe zu verringern?

Ja. Gut vorbereitete Quereinsteigende können zusätzliche Kompetenzen in Teams bringen und neue personelle Ressourcen erschließen. Besonders sinnvoll ist das dort, wo berufliche Vorerfahrungen gezielt genutzt und durch passende Qualifizierung ergänzt werden können. Welche Aufgaben übernommen werden dürfen, hängt allerdings vom jeweiligen Arbeitsfeld, der vorhandenen Grundqualifikation und den fachlichen oder rechtlichen Anforderungen der Tätigkeit ab. Gezielt gestaltete Quereinstiegswege können deshalb ein wichtiger Baustein sein, um zusätzliche geeignete Menschen für pädagogische und soziale Arbeitsfelder zu gewinnen und bestehende Teams zu verstärken.

Welche Rolle spielen multiprofessionelle Teams bei der Fachkräftesicherung?

Multiprofessionelle Teams können unterschiedliche berufliche Kompetenzen zusammenführen und damit vorhandene Ressourcen besser nutzen. Menschen mit verschiedenen fachlichen Hintergründen bringen unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Fähigkeiten ein. Das kann die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien fachlich bereichern und ermöglichen, Aufgaben sinnvoller zu verteilen. Voraussetzung ist, dass Zuständigkeiten, Verantwortlichkeiten und notwendige Qualifikationen klar geregelt bleiben. Gerade bei wachsendem Fachkräftebedarf können multiprofessionelle Teams dadurch einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung sozialer Arbeitsfelder leisten.

Welche Rolle spielt Weiterbildung bei der Fachkräftesicherung?

Weiterbildung ist ein wichtiger Baustein der Fachkräftesicherung. Sie ermöglicht Beschäftigten, zusätzliche Kompetenzen aufzubauen, ihre Handlungssicherheit zu erweitern und sich fachlich für neue oder anspruchsvollere Aufgaben weiterzuentwickeln. Je nach Ausgangsqualifikation und Arbeitsfeld können dadurch auch zusätzliche Einsatz- und Entwicklungsmöglichkeiten entstehen. Für Arbeitgeber können gezielte Qualifizierungsangebote zugleich ein Instrument der Personalentwicklung und Personalbindung sein. Fachkräftesicherung bedeutet deshalb nicht nur, neue Mitarbeitende zu gewinnen, sondern auch vorhandenes Potenzial weiterzuentwickeln und berufliche Perspektiven zu schaffen.

Was können Träger tun, um Fachkräfte langfristig zu halten?

Fachkräftesicherung beginnt nicht erst bei der nächsten Stellenausschreibung. Ebenso entscheidend ist es, qualifizierte Mitarbeitende langfristig zu halten und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten. Dazu gehören verlässliche Arbeitsbedingungen, eine gute Einarbeitung, klare Zuständigkeiten, fachliche Beratung und Supervision sowie Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten und nachvollziehbare berufliche Perspektiven. Gerade in der Kinder- und Jugendhilfe, in der tragfähige Beziehungen, Erfahrung und Fallkenntnis eine große Rolle spielen, ist Personalbindung zugleich eine Qualitätsfrage. Wer Mitarbeitende fachlich stärkt und ihre Entwicklung unterstützt, investiert deshalb sowohl in die Fachkräftesicherung als auch in die Qualität der eigenen Arbeit.

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